Zuwanderung

Auf dem Weg zur ganzheitlichen Integration
neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler (Seiteneinsteiger) an der
Katholischen Grundschule Stukenbrock

Leitbild: Voneinander – Miteinander

Ausgehend von den Richtlinien 2003, die die Vielfalt der Kinder als Herausforderung und Chance und die daraus resultierenden individuellen Förder- und Forderansätze in den Mittelpunkt unterrichtlicher Arbeit stellen, spiegelt das Schulleben an unserer Schule folgende Leitsätze wider:

Wir arbeiten verstärkt im Team zusammen und fördern durch unser Vorbild auch bei den Kindern Teamfähigkeit, Rücksichtnahme, Kompromissbereitschaft, Toleranz, Hilfsbereitschaft und Konfliktfähigkeit. Unser Schulklima ist von Verständnis und Offenheit geprägt. Wir nehmen Kinder verschiedener Religionen und Kulturen auf. Im Sinne der christlichen Werteerziehung pflegen wir engen Kontakt zu den örtlichen Pfarrgemeinden und üben uns in Toleranz und Wertschätzung gegenüber Andersgläubigen.

 

An der Katholischen Grundschule Stukenbrock werden derzeit 16 Seiteneinsteiger-Kinder aus 8 Nationen unterrichtet. Darunter sind 15 Kinder, deren Familien Asylantrag gestellt haben. 3 Kinder kommen aus Kriegs- bzw. Krisengebieten.
Die Kinder im Alter von sechs bis elf werden nicht, wie teilweise üblich, in einer Auffangklasse unterrichtet sondern im Klassenverband. Wir verstehen uns als inklusive Schule und wollen diesen Gedanken auch im Bezug auf neu zugewanderte Kinder leben.

Welche Schritte können alle an Schule Beteiligten gehen, um eine möglichst schnelle und für die Kinder angenehme Integration in das Schulleben zu gewährleisten?

Wie gelingt eine rasche gesellschaftliche Integration der Familie?

Mit welchen Maßnahmen können die Kinder möglichst schnell die deutsche Sprache erlernen?

 

Viele Fragen stellen sich, die oftmals nur durch ein gut funktionierendes Netzwerk aller an Bildung Beteiligten beantwortet werden können. Zum Beispiel:

 

Welche Klasse sollte das Kind besuchen?

Wie geht es der Familie?

Kann unsere Schule Unterstützungsmöglichkeiten anbieten und vermitteln?


Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie die Katholische Grundschule sich dieser neuen Herausforderung stellt. 

 

1.    Meldung der neu ankommenden Kinder
Im Idealfall meldet uns das KI (Kommunale Integrationszentrum) mithilfe eines Erfassungsbogens die neu ankommenden Kinder ein paar Tage vorher. Der Erfassungsbogen erleichtert uns als Schule die Aufnahme der Schülerinnen und Schüler. Alle wichtigen Informationen (Namen, Adresse, Herkunft, mitgebrachte Sprache, Übersetzer, Ansprechpartner…) können dem Erfassungsbogen entnommen werden. Auch können im Vorfeld Überlegungen über die zukünftige Klassenzuweisung gemacht werden.
Es erfolgt eine telefonische Einbestellung der Familien. Dieses geschieht derzeit über den zuständigen Sozialarbeiter, der die Information an die Familien weitergibt oder diese begleitet, um zu übersetzen. Aufgrund der Sprachenvielfalt ist dieses jedoch nicht immer möglich.

2.    Kontaktaufnahme
Nicht immer kommen die Familien pünktlich zum vereinbarten Termin. Daher sollte für die Erstbegegnung ausreichend Zeit (50 Min.) eingeplant werden. Das Asylbewerberheim, welches zu unserem Einzugsgebiet gehört, liegt außerhalb. Die Familien sind daher auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Ebenso ist in einigen Kulturkreisen pünktliches Erscheinen ein eher unbedeutender Faktor.
Auch müssen wir damit rechnen, dass die Familien mit einer größeren Zahl von Familienmitgliedern zum Termin erscheinen.
Leider stellen wir auch fest, dass einige Familien, aufgrund der Sprachbarriere, gar nicht zum festgelegten Termin erscheinen. Es muss dann damit gerechnet werden, dass die Familien irgendwann in den nächsten Tagen unerwartet vor der Tür stehen.
In den Herkunftsländern gibt es nicht immer eine Schulpflicht oder die Eltern schicken ihre Kinder nicht oder nur unregelmäßig zur Schule. Das Bewusstsein dieser Eltern bezüglich der Schulpflicht in Deutschland ist daher nicht vorhanden oder nur schwach ausgeprägt.

3.    Erster Kontakt
Die erste Begegnung mit den Familien und den Kindern ist für beide Seiten ein spannender Moment.
Sind aufgrund des Erfassungsbogens alle wichtigen Details bekannt, können alle Unterlagen schon bereitgelegt werden. Wertvolle Zeit muss so nicht mit dem Ausfüllen der Schulanmeldung vergeudet werden. Wir an unserer Schule legen viel Wert auf ein herzliches Willkommen. Dieses gehört zur Willkommenskultur unserer Schule. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, welchen Weg die Familien vielleicht in den letzten Wochen und Monaten hinter sich gebracht haben. Es bedarf nicht vieler Worte, dafür aber viel Fingerspitzengefühl, eine herzliche und offene Art den Familien zu zeigen, dass sie willkommen sind. Die Kinder sind oft ängstlich, unsicher oder schüchtern. Ein ‚Türöffner’ könnte zum Beispiel ein kleines Geschenk sein. Wir haben immer Brotdosen mit kleinen Buntstiften und Malbüchern, die jedes Kind zur Einschulung bekommt. Oft bleiben einige übrig, die ich diesen Kindern dann gerne überreiche. Auch im Bezug auf die Eltern sollte ein sensibler Umgang gepflegt werden. Bei Familien aus arabisch sprechenden Ländern kommen fast ausschließlich nur die Väter zur Schulanmeldung. Ein Hand geben von Mann zu Frau ist innerhalb ihrer Kultur unüblich. Auch andere körpersprachliche, für uns übliche Gepflogenheiten, können bei Menschen aus anderen Kulturkreisen eher zu Verwirrungen führen. Das Daumen hoch zeigen kann daher auch eine Beleidung sein. Eine gewisse Kenntnis über spezielle, kulturelle Gepflogenheit ist daher von Vorteil.

Sind die ersten wichtigen Sekunden und Minuten vorüber, können die Formalitäten geklärt werden. Ein Übersetzer kann dieses sehr erleichtern.
Wir haben für unsere Eltern einen Brief für die anzuschaffenden Materialien entwickelt (Anlage). Über Symbole erfahren die Eltern, was Sie für den Schulbesuch besorgen müssen. Wir versuchen beim ersten Kontakt die Eltern, mit den uns wichtigen Informationen zu versorgen, dennoch achten wir darauf nicht zu überfordern. Zu viele Informationen, Flyer und Blätter können verwirren und führen zu Unsicherheiten. Ist kein Übersetzer dabei, können Informationen, z.B. über die OGS auf einen späteren Termin verschoben werden.

Gibt es keine weiteren Hürden zu überwinden, bekommen die Eltern einen Zettel mit Datum und Uhrzeit für den ersten Schulbesuchstag ausgehändigt.

 

4.    Schuleinstieg

Insbesondere bei Kindern, die noch nie eine Schule oder Bildungseinrichtung besucht haben, versuchen wir den Schuleinstieg so leicht wie möglich zu machen. Eine Möglichkeit, die wir am Anfang teilweise nutzen, ist die Kürzung des Unterrichts. Viele Kinder sind mit den täglichen Anforderungen und dem langen Tag überfordert. Kindern aus Krisengebieten, die oft lange auf der Flucht waren und über längere Zeit keine Schule besucht haben, fällt der Einstieg oft schwer. Die meisten Kinder kommen aus anderen gesellschaftlichen Strukturen und müssen die Veränderungen ihrer ganz persönlichen Lebenssituation zunächst verarbeiten. Ein sensibler Umgang mit den Kindern, viel Zeit und Verständnis ist daher ganz besonders wichtig.
Manchmal ist es sinnvoll, die Kinder erst zur 2. Std. kommen zu lassen oder nach der 4. Std. zu entlassen. Je nachdem, wie schnell die Kinder sich einleben, kann diese Maßnahme jedoch auch schnell enden oder auch gar nicht erst erforderlich sein.
Die Vorerfahrungen, die die Kinder mitbringen sind jedoch sehr unterschiedlich. Entsprechend flexibel müssen wir auf diese Erfahrungen reagieren.

 

5.    Aufnahme in den Klassen

Um die Belastung für alle Kolleginnen und Kollegen so gering wie möglich zu halten, versuchen wir die Kinder auf alle Klassen gleichermaßen zu verteilen. Dennoch ist die Klassengröße kein ausschlaggebender Punkt. Viele Aspekte müssen berücksichtigt werden und fließen in unsere Überlegungen mit ein: Die Vorerfahrungen der Kinder, das Alter, die Zuweisung in eine Klasse in der ein Kind dieselbe Sprache spricht…
Unsere Sozialpädagogische Fachkraft hat einen guten Überblick über alle Lerngruppen und kann daher, unter Berücksichtigung möglichst vieler pädagogischer Aspekte, eine Zuweisung vornehmen. Diese ist jedoch auch deshalb nicht immer einfach, da wir das genaue Alter vieler Kinder oft nicht kennen. Das genaue Geburtsdatum wird in einigen Ländern nicht erfasst, so dass nur das Geburtsjahr stimmt. Insbesondere Mädchen aus arabischen Herkunftsländern kommen scheinbar eher in die Pubertät und wirken so oft älter als sie wirklich sind. Auch dieser Umstand erschwert uns manchmal die Zuweisung.
Auch wenn die Eltern angeben, dass das Kind bereits zwei Jahre eine Schule besucht hat, kann nicht davon ausgegangen werden, dass dieses Kind den gleichen Wissenstand hat, wie ein Kind, das bei uns zwei Jahre die Schule besucht hat. Auch sind bei den Kindern durch lange Phasen, in denen sie keine Schule besucht haben, große Wissenslücken entstanden. Die jahrgangs-gemischte Eingangsstufe kommt diesen Kindern daher sehr entgegen.

 

6.    Ankommen in den Klassen
Sind die Kinder einer Lerngruppe oder Klasse zugewiesen, versuchen wir den Einstieg so leicht wie möglich zu machen (s. 4.).
Eine der wichtigsten Aufgaben für die ersten Schulwochen ist daher die soziale und emotionale Integration der Kinder.
In den letzten Monaten konnten wir jedoch bei allen Kindern beobachten, wie schnell diese sich an das Schulleben gewöhnt und auch in die Klassengemeinschaft integriert haben. Das ist unter Anderem auch unseren Kindern und Eltern zu verdanken, die mit einer Selbstverständlichkeit und Offenheit auf alle Seiteneinsteiger-Kinder und deren Familien zugegangen sind.  

Maßgeblich dazu beigetragen hat sicherlich auch die positive Einstellung der Schulleitung, die den Eltern innerhalb eines ersten Elternabends zum  Schuljahresanfang, unsere Willkommenskultur vorgestellt hat. Eine größtmögliche Transparenz mit allen Zahlen und Fakten schafft Vertrauen bei den Eltern und baut Ängste ab.

 

7.    Förderung in Kleingruppen

Nachdem die Kinder etwas Zeit hatten sich in ihrer Lerngruppe einzuleben und Kontakt zu ihrer Klassenlehrerin oder ihres Klassenlehrers aufbauen konnten, beginnt die Förderung in Kleingruppen. Zunächst wird jedes neu zugewanderte Kind von der DaZ-Förderlehrerin in seiner Lerngruppe besucht. Auf diese Weise findet ein erstes Kennenlernen in der inzwischen vertrauten Umgebung statt. Ein Wimmelspiel, welches keine Sprachkenntnisse von Seiten des Kindes erfordert, trägt den Erstkontakt. Im Spiel können auch erste Beobachtungen gemacht werden.

Die Kleingruppenförderung macht einen Raumwechsel erforderlich, da immer 5-6 Kinder aus verschiedenen Lerngruppen gleichzeitig gefördert werden. Zu Beginn einer jeden Förderstunde holt die Förderlehrerin die Kinder aus ihren jeweiligen Lerngruppen ab. Auf dem Weg von Lerngruppe zu Lerngruppe werden mit Gestik und Mimik und einigen zentralen Wörtern bereits erste Neuigkeiten ausgetauscht oder einfach die Freude kundgetan sich wiederzusehen. Das Bewahren dieser positiven Grundhaltung von Seiten der Kinder ist oberstes Ziel der Sprachförderung. Im Mittelpunkt dieser steht die Freude am Sprechen und Sprachhandeln. Der Wortschatzaufbau geschieht dabei spielerisch und handelnd. Es werden Kim-Spiele oder Memorys mit Hilfe von Bildkarten gespielt, gemeinsam Bücher oder Poster betrachtet und dazu erzählt oder einfache Sprachrunden durchgeführt. Die Themenbereiche entstammen dabei der konkreten Lebenswelt der Kinder und entsprechen den üblichen Themenfeldern des Fremdsprachunterrichts:

       Vorstellung/ Begrüßung

       Zahlen  

       Farben

       In der Schule

       Das bin ich/ Mein Körper/ Familie

       Wohnen

       Um uns herum

       Einkaufen im Supermarkt

       Freizeit

       In der Stadt

       Im Straßenverkehr

       Tiere

       Durch das Jahr

 

Während der Förderung wird niemand zum Sprechen gezwungen. Es ist normal, dass einige Kinder zunächst ihre Zeit des Beobachtens und Zuhörens benötigen, bevor sie selbst sprechen. In dieser Zeit sind sie jedoch keinesfalls passiv, schließlich müssen sie sich teilweise auf ein völlig neues Lautsystem einstellen.

Die Schwerpunkte der Förderung liegen damit in den Bereichen Hören, Sprechen und Verstehen, da das Verstehen der gesprochenen Sprache Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Alphabetisierung ist. Laut Sprach-forschung müssen Kinder ein Wort zwischen 5 und 20-mal in verschiedenen Zusammenhängen gehört haben, damit es verinnerlicht wird. Dies macht kontinuierliche Wiederholung und eine kleinschrittige Vorgehensweise notwendig. Die gefestigten Wörter halten die Kinder dann in ihrem Wortschatz-heft fest. Dieses Heft ohne Lineatur ist eine Art Sammelportfolio, in welches die während der Förderstunden erarbeiteten Begriffe gemalt oder geklebt werden. Die Kinder halten darin aber auch ihre Vorlieben im Hinblick auf die behandelten Themenfelder ihren individuellen Fähigkeiten entsprechend schriftlich oder künstlerisch fest.

 

8.    Ehrenamtliche Helfer
Ehrenamtliche Helfer können eine große Hilfe und Unterstützung bei der Beschulung von Seiteneinsteigern sein. An unserer Schule haben wir derzeit zwei ehemalige Lehrerinnen/Lehrer, die uns im Vormittag mit insgesamt fünf Unterrichtsstunden unterstützen. In enger Absprache mit den Klassenlehrerinnen/Klassenlehrern sowie unserer DaZ-Förderlehrerin werden die Kinder entsprechend ihres Lernstandes, alleine oder in Kleingruppen unterstützt.

Derzeit rekrutiert und organisiert die Stadt mit Hilfe des Kreisfamilienzentrums der Caritas weitere ehrenamtliche Helfer. Diese ehrenamtlichen Helfer werden als sogenannte Lernbegleiter eingesetzt. Alle Formalitäten werden von der entsprechenden Koordinatorin der Caritas begleitet. So müssen alle Lern-begleiter ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und eine Verschwiegen-heitserklärung unterschreiben. Im Oktober starten wir zunächst mit sieben Lernbegleitern, die 1x wöchentlich ein Kind in 1 zu 1 Betreuung bei den Hausaufgaben unterstützen. Diese Lernbegleitung findet im Klassenzimmer der entsprechenden Kinder statt. Eine Lehrerin/Lehrer steht als Ansprechpartner zur Verfügung.

9.    Außerschulische Unterstützung
Im Folgenden werden wir einige außerschulische Maßnahmen aufzählen, die in unserer Stadt bereits seit längerer Zeit laufen oder erst noch erprobt werden müssen.

       Sprachcamp (Klasse 3-4) der AWO (regelmäßig in den Herbst- und Osterferien)

       Sprachkurse für Erwachsene über die VHS (auch am Vormittag mit Kinderbetreuung) 1 Kollegin unserer Schule unterrichtet dort.

       Familienflüchtlingsbegleiter (organisiert über das Kreisfamilienzentrum)

       Sprachbegleiter, Alltagsvermittler

       Internetseite ‚Flüchtlingshilfe SHS’: http://fh-shs.de/

 

Stolpersteine ?
Auf jedem Weg, der neu beschritten wird, liegen Stolpersteine. So auch auf diesem, für uns alle neuen Weg. Wir sind gespannt und neugierig wie es weitergeht.

Katholische Grundschule Stukenbrock · Text: Vanessa Biskiner, Melanie Neumann